“La France a perdu une bataille, mais la France n’a pas perdu la guerre!” – dieser Aufruf des General de Gaulle hat den Widerstand gegen die Nazis und gegen das Pétain-Regime gestärkt; die Résistance hat in Frankreich eine bedeutend größere Rolle gespielt als in Österreich, und Schuschniggs “Gott schütze Österreich” ist wohl eher ein Armutszeugnis denn ein Aufruf zum Widerstand gegen die Nazi-Okkupation.
Anders als Daladier und Chamberlain, die den absurden “Friedenspakt” mit Hitler abgeschlossen hatten, war de Gaulle ebenso wie Winston Churchill klar: Mit einem Nazi-Deutschland kann es keinen Frieden geben. Sie sollten Recht behalten.
Am 18. Juni 1940 kam es zu einem Mittagessen zwischen de Gaulle, dem General Spears und dem Informationsminister Duff Cooper; de Gaulle schlug vor, seine historische Rede über BBC weltweit zu verbreiten. Die beiden britischen Gesprächspartner waren für diesen Vorschlag; eine Stunde zuvor hatte allerdings das britische Kriegskabinett beschlossen, auf Pétain zu setzen. Spears suchte deshalb Churchill auf – und dieser genehmigte die Ausstrahlung von de Gaulles Rede. De Gaulle machte in dieser Rede klar: Dieser Krieg ist ein Weltkrieg. Churchill konnte die Unterstützung brauchen; längst nicht alle Briten waren von der Notwendigkeit des Kriegseintritts überzeugt. Offene Nazi-Sympathisanten, darunter der zum Rücktritt gezwungene König Edward VII, waren für Neutralität oder gar für eine Allianz mit Nazi-Deutschland.
Interessant ist dabei ein Detail, das weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Am späten Abend des 18. Juni hat das britische Parlament den Grundstein für eine Europäische Union gelegt. Es hat einen Vorschlag von Jean Monnet, nebenRobert Schuman einer der wichtigsten europäischen Visionäre, aufgegriffen: “Frankreich und Großbritannien werden künftig nicht mehr zwei Nationen sein, sondern eine französische-britische Union” heißt es in der Erklärung. Und weiters: “Diese Union wird gemeinsame Behörden für die Verteidigung, die Außenpolitik sowie die Finanz- und Wirtschaftspolitik einrichten.” Für die Bürgerinnen und Bürger beider Staaten sollte in Zukunft eine Doppelstaatsbürgerschaft gelten.
Dass es so nicht ganz gekommen ist, wissen wir mittlererweile. Auch wenn unsere Reisepässe den Aufdruck auch den Aufdruck “Europäische Union” haben, gibt es keine europäische Staatsbürgerschaft. Auch Doppelstaatsbürgerschaften gibt es kaum, und sie sind in manchen Mitgliedsstaaten äußerst erschwert. Aber immerhin: Der erste Grundstein wurde vor 70 Jahren gelegt.






Nur zwei Bemerkungen:
- Zu Robert SchumaN (nicht mit dem Komponist Robert SchumaNN zu verwechseln): er hat für Pétain gestimmt. Genauer hat er für die Ermächtigungsgesetz gestimmt. Er war nicht der Einzige, 569 unter 649 haben für Pétain gewählt, aber ohnehin… bemerkenswert find’ich.
- Zur Bildung Europas möchte ich Jean-Luc Godard zitieren. “[L'Europe], ils ont commencé par le charbon et l’acier. Ils auraient pu commencer par autre chose” (Quelle, Austausch mit Daniel Cohn -Bendit am 13.5.2010 veröffentlicht, http://tinyurl.com/2w7xv35)
Also, mit Monnet-Schuman, war’s wirklich die besten Grundsteinen, die man sich wünschen könnte?
Lieber Jerôme,
1. Danke, dass Du mich auf meinen Tippfehler aufmerksam gemacht hast.
2. Mit Schuman ist die Wirklichkeit etwas komplizierter: Schuman war zwar bis 1941 im Parlament, dann aber wurde er von der Gestapo inhaftiert. Nach seiner Flucht aus der Haft hat er bis Kriegsende in einem Kloster versteckt gelebt.
3. Gebe ich aber sofort zu, dass Frankreich kein Volk der Résistance war – es gab genügend Nazi-Kollaborateure, die in der Nachkriegszeit – auch in gaullistischen Regierungen – Karriere machten. Besonders böses Beispiel ist übrigens ein gewisser Francois Mittérand, Star der französischen Linken. Mit dem Namen kann man heute auch unter Sarkozy Karriere machen…
4. Godard hat Recht, und er hat Unrecht. Tatsächlich waren die ersten formellen Verträge die Kohl- und Stahlverträge. Man nennt das bis heute die Monnet-Schuman-Methode: die Herstellung von institutionellen Ungleichgewichten, die zu einer Weiterführung des europäischen Einigungsprozess führen müssen. Bisher hat es geklappt, auch wenn populistische Strömungen, etwa auch in Frankreich (“plombier polonais”, ein wenig rassistisch, nicht?), diesen Prozess immer wieder verzögert haben. Tatsächlich war es in der Nachkriegszeit schwer möglich – und ist es bis heute, wenn auch deutlich abgeschwächt – von “Vereinigten Staaten von Europa” zu sprechen. Immerhin haben wir Maastricht, jetzt Lissabon und die Europäische Union. Das wäre ohne Visionen, wie sie Schuman und Monnet entwickelt haben, kaum denkbar gewesen.
5. Es fehlt noch viel zu einer demokratischen Europäischen Union – aber vor Dmokratiedefiziten sind die Mitgliedsstaaten auch nicht gefeit…