Auschwitz vor 65 Jahren befreit; geht das Österreich nichts an?

65 Jahre der Menschen aus der Hölle: dem Vernichtungslager Auschwitz, in dem mehr als 1 Million Menschen, vorwiegend Jüdinnen und Juden, auch unter tatkräftiger österreichischer Mitwirkung umgebracht wurden. Beobachtung aus Tel-Aviv, wo ich mich derzeit aufhalte: In Österreich wurde wenig Aufhebens darum gemacht; wohl deshalb, weil nach 1945 eine kleinere österreichische Flunkerei zur Staatsreligion wurde: Österreich war erstes Opfer, nicht Mittäter, der Nazi-Diktatur. Udo Jürgens hat dies, zufällig an diesem Tag, wenn auch in einem anderen Zusammenhang, sehr deutlich formuliert. Gefragt, warum Wien als kosmopolitisches und weltoffenes Kulturzentrum  eine deutlich geringere Rolle spielt als noch in der Zwischenkriegszeit, gab er eine deutliche Antwort:

“Österreich hat nach dem Ende der Hitler-Diktatur den großen gedanklichen Fehler begangen, sich in die Opferrolle zu flüchten (…) Man hat nie eingestanden: Wir sind mitschuldig. (… Lernen) ist ein Entwicklungsprozess. Dazu stehen und daraus lernen. Immer den anderen Schuld zuschieben: Das geschieht, weil dieser Prozess nicht vollzogen wurde.” (KURIER, 28. Jänner)

Als kleine Anmerkung sei mir hier erlaubt, dass genau dies ja auch im kulturellen und wissenschaftlichen Milieu zu einem Aderlass geführt hat, der noch bis heute spürbar ist. Übrigens ist auch Nachum Schutz, Generalsekretär der israelischen Liberalen “Liberal Alliance”,   mit dem ich während meines jetzigen (beruflichen) Israel-Aufenthalts Kontakt aufnehmen konnte, gebürtiger Wiener, der Wien rechtzeitig verlassen konnte…

Immerhin: Die “Presse” berichtet im Weltjournal auf einer Sechstel-Seite von der Gedenkfeier in Auschwitz. Österreich war durch die Parlamentspräsidentin Prammer vertreten; ihrer Anwesenheit wurde ein Drittel des Beitrags gewidmet. Im Anschluss an die Gedenkfeier begann in Auschwitz eine internationale Konferenz, bei der Bildungsminister aus 35 Staaten über eine neue Pädagogik zur Schoah im Geschichtsunterricht  diskutierten. Diese ist aus zwei Gründen notwendig: Zum einen wird es bald keine Schoah-Überlebenden mehr geben, die als Zeitzeuginnen und –zeugen von den Gräueln des Nazi-Regimes berichten können; zum anderen liegen diese Gräuel und das Nazi-Regime schon zwei Generationen zurück; es ist die Aktualität des Themas, die es wachzuhalten gilt, ohne die historische Einzigartigkeit des Ereignisses in Frage zu stellen. Dass es so bleibe, ist die Hoffnung.

Der Beitrag des obersten geistlichen Führers des Irans, des Ayatollahs Khamenei,  hat zu einer Kontroverse in Israel geführt; dieser hatte die Zerstörung Israels prognostiziert, eine weitere Verschärfung des Tons des heutigen Irans gegenüber Israel und der zivilisierten Welt.  Darf man die Politik des Iran und dessen Drohgebärden gegenüber Israel mit der Schoah vergleichen? Die Oppositionelle und frühere Außenministerin Tzipi Livni (Kadima) verneint dies entschieden; sie hält dies im Gegensatz zu ihrem reaktionären Nachfolger Avigdor Liebermann (Israel Beitenu) für fahrlässigen Missbrauch; dieser hatte in Budapest diesen Zusammenhang ebenso hergestellt wie Premierminister Netanjahu in Auschwitz.

Schimon Peres hingegen hielt vor dem Deutschen Bundestag, in Anwesenheit beider Häuser und der Bundesregierung, eine eindrucksvolle Rede. Die Conclusio seiner Rede, die er in Hebräisch hielt:

“Niemals wieder eine rassistische Doktrin; niemals wieder ideologische Übermensch-Vorstellungen; (…) niemals wieder eine Verharmlosung blutrünstiger demagogischer Diktatoren, die mörderische Phrasen zur Wirklichkeit werden lassen.” (aus: The Jerusalem Post, eigene Übersetzung).”

 Peres gab seiner Überzeugung Ausdruck, dass das europäische Beispiel, das nach Jahrhunderten kriegerischer Auseinandersetzung zur Versöhnung und zu einer politischen Vereinigung geführt hat, ein Modell ist, von dem der Nahe Osten viel lernen kann. Die Umsetzung einer Zwei-Staaten-Lösung könnte dafür ein erster Schritt sein.

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2 Antworten auf Auschwitz vor 65 Jahren befreit; geht das Österreich nichts an?

  1. “Ausgerechnet am 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz verbietet Wiener Polizei antifaschistische Demonstration.”
    Siehe http://derstandard.at/1263706103419/Kritik-am-Demoverbot-beim-Burschenschafter-Ball
    und Freitag Abend, Europaplatz, 18 Uhr…

  2. L.S. sagt:

    Bravo Ronald. Die “Opferthese” ist das Gummi-Rückgrat in Österreich, das jede Form der gerechten und aufmerksamen AUFKLÄRUNG im Keim ersticken lässt. Ob bei rassistischer oder anderer Diskriminierung, ob bei Kindesmissbrauch oder auch bei häuslicher Gewalt. Es wird rundherum unter den Teppich gekehrt, was geht. Alles ein Ergebnis von 1955 … so ein Mythos wirkt eben noch lange nach.
    Zur Verantwortung stehen, das Geschehene verurteilen und es in Zukunft besser machen, das können offenbar nur wenige.

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