Otto Graf Lambsdorff war ein Liberaler, der das offene Wort nicht scheute. Die FDP, deren Ehrenvorsitzender war, hat er über Jahrzehnte geprägt. In jener Zeit, als Teile FDP der österreichischen FPÖ als Sammelbecken alter Nazis nicht unähnlich war, trat er 25-jährig in die als besonders national geprägte FDP in Nordrhein-Westfahlen ein. Mit Walter Scheel war er aber einer jener, die die FDP von diesem Flügel befreite; wurde 1977 Wirtschaftsminister in der SPD-FDP-Koalition, war aber mit Genscher Architekt jener Wende, die zu einer CDU/CSU/FDP-Koalition führte. Zuletzt schien er einer Jamaika-Koalition durchaus zugeneigt.
Im Jahr 2008 hat Otto Lambsdorff den Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums in Berlin erhalten; nicht zuletzt für seine führende Rolle bei den Verhandlungen zur Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter. Bereits damals erkrankt und mit einer Thrombose im Spital, wurde seine Rede von seinem Sohn Nikolaus verlesen.
“Die Auszeichnung mit dem Preis für Verständigung und Toleranz ist eine große Ehre. Sie ist es schon an sich, sie wird noch vergrößert durch die Tatsache, daß sie mir am gleichen Tage wie Herrn Berggruen verliehen wird.”
Über seinen Einsatz in den Verhandlungen zur Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter hatte es in seiner Rede geheißen:
“Für viele der Betroffenen war das Geld nicht die entscheidende Frage. Sie wünschten sich die Anerkennung des ihnen angetanen Unrechts und der ihnen zugefügten Leiden.”
Seine Lebenserfahrung hat ihn auch zu einem entschiedenen Gegner von Antisemitismus gemacht, auch in seinen eigenen Reihen. Im Jahr 2002 griff er den nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden Jörgen Möllemann öffentlich an. In einem Spiegel-Interview warf er ihm vor, dessen Angriffe auf den Vize-Vorsitzenden des Zentralrats der deutschen Juden, Michel Friedman seien “gefährlich, weil er ein typisches, sehr altes antisemitisches Verhaltensmuster nutzt “.
Lambsdorff berichtete im Deutschlandfunk, vor der FDP-Wahlveranstaltung am Donnerstag in Bonn, habe er diesem geraten, nicht aufzutreten. «Das wollte er nicht. Da habe ich ihm gesagt: «Wenn Sie nicht wegbleiben, dann werden Sie erleben, dass Westerwelle, Genscher und ich den Saal verlassen.»
Auf die Frage, ob sich sein Geschichtsverständnis im Zusammenhang mit den Verhandlungen über die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter geändert habe, antwortete er in einem Interview mit der FAZ vom 11. Juni 2007:
“Mein Geschichtsverständnis hat sich insofern verändert, als ich sehr viel näher an das Schicksal von Menschen herangekommen bin, die unter der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft höchstpersönlich gelitten haben. Die Fakten waren ja eigentlich nicht neu, wir kennen das aus Büchern, dem Fernsehen, Filmen. Aber mit so vielen früheren Zwangs- und Sklavenarbeitern selbst zu sprechen, macht ihr Schicksal noch einmal viel authentischer.”
Mit Kritik an der eigenen Partei hielt er sich nicht zurück. Zum Wahlsieg der SPD im Jahr 2000 meinte der Ehrenvorsitzende in einem Interview trocken:” Die frühere Regierung aus CDU/CSU und FDP ist zu Recht abgewählt worden. Denn sechzehn Jahre ist eine viel zu lange Zeit”.
In einer Diskussion mit seinem Neffen Alexander in der Zeit meinte Alexander Graf Lambsdorff auf die Frage nach der Stärke der FDP:
Alexander Graf Lambsdorff: ” Die FDP steht gut da. Wir haben sehr solide Umfragewerte und sind in vielen Länderparlamenten vertreten. Wir haben keinen Streit in der Partei, unsere Parteitage sind harmonisch bis zur Langeweile. Sie müssen sich das mal vorstellen: Wir haben auf dem letzten Parteitag das komplette Parteipräsidium wiedergewählt.”
Otto Graf Lambsdorff: “Das kommentiere ich lieber nicht.” (DIE ZEIT, 24.3.2008)
Dem Außenminister und FDP-Vorsitzenden Westerwelle hinterließ er noch folgende Warnung: “Nur internationaler Druck kann Moskau dazu bewegen, rechtsstaatliche Grundsätze im eigenen Land einzuhalten.” (FAZ, 21.12.2004)
Angelika Mlinar hat im Namen des LIF der FDP ein Kondolenzschreiben übermittelt. Darin heißt es:
“Namens des Liberalen Forums ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen unsere Anteilnahme am Verlust eines großen deutschen Liberalen auszusprechen, der weit über die Grenzen der FDP und Deutschlands hinaus als eine der bedeutendsten politischen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit galt. Graf Lambsdorff’s Einsatz für Demokratie und Marktwirtschaft, aber auch für Menschenrechte und Aussöhnung, hat ihm große Anerkennung gebracht (…). Auch das Liberale Forum hat mit Otto Graf Lambsdorff einen bedeutenden europäischen Liberalen verloren.”
Auch Annemie Neyts, Präsidentin der Europäischen Liberalen (ELDR), hat dem Verstorbenen Respekt gezollt:
“With Count Lambsdorff’s demise, international liberalism loses yet another outstanding personality who embodied the liberal principle of freedom as only few others did.”


