Hitler für alle Zeiten besiegen

von Ronald J. Pohoryles am 24. November 2009 | 3 Kommentare

Ohne Zweifel: das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist noch keine 100 Jahre vergangen, und es hat, bei den Überlebenden ebenso wie bei deren Nachkommen, Gewicht. Fast jede jüdische Familie in Europa und fast jede, die aus Europa nach Israel eingewandert ist, hat Opfer in der Familie zu beklagen. Ich selbst habe aus diesem Grund Onkeln und Tanten sowie meinen Bruder Harry nie kennengelernt.

Empörend deshalb auch Bücher wie jenes von Norman Finkelstein, der jüdischen Organisationen als “Holocaust-Industrie” desavouiert. Jedoch, und das ist eine These des israelischen Autors Avraham Burg, um Hitler tatsächlich zu besiegen, muss das Trauma der Shoah überwunden werden. Er hat darüber ein Buch verfasst, das  dem Leser dieser Zeilen ans Herz gelegt sei (“Hitler besiegen. Warum sich Israel endlich vom Holocaust lösen muss“).

Der Unterschied zwischen Finkelstein und Burg ist, dass Burg sein Buch aus Liebe zum Judentum und zu Israel geschrieben hat  und nicht Diffamierung aus Sensationsgier wie Finkelstein. Burg, Sozialist und vormaliger Sprecher des israelischen Parlaments, ist Sohn eines früheren national-religiösen israelischen Ministers mit Wiener Wurzeln.  Er selbst war auch über einen langen Zeitraum Präsident der “World Zionist Federation”.

Verständnis für das, was er “Holocaust-Trauma” nennt, kann man bei ihm voraussetzen. Sein Punkt ist auch keinesfalls, dass man vergessen, gar einen Schlussstrich setzen sollte. Dass das Trauma freilich auch die aktuelle Politik beeinflusst, ist tragisch. Hitler ist erst besiegt, wenn dies überwunden ist.

Dies zeigt er am Beispiel des israelisch-palästinensischen Konflikts auf: Er spricht von einem “Trauma-Wettbewerb”; für die Palästinenser ist es das Flüchtlingsproblem. Der Hass richtet sich freilich nicht gegen jene arabischen Länder, die sie wenig gastfreundlich aufgenommen und die sie stattdessen, teils bis heute, in Flüchtlingslagern halten.  Für Jüdinnen und Juden ist es die Shoah. Katastrophen dieser Art dürfen freilich nicht gegeneinander aufgewogen werden; zu Frieden gehört eben beiderseitiges Verständnis. Nur so lassen sich Hitler und seine Schergen endgültig überwinden.

Nahum Goldmann, hat das Problem schon früher vorhergesehen. Der vormalige Präsident des Jüdischen Weltkongresses hat anlässlich der Staatsgründung im Jahr 1948 vor diesen Problemen gewarnt; der jüdische Philosoph Martin Buber, gleichfalls in Wien geboren und schon in den 1930er Jahren im damaligen Palästina eingewandert, hatte mit seiner Jichud-Bewegung die These vertreten, zuerst müsse eine Verständigung mit den ansässigen Arabern hergestellt werden, erst danach sollte die Staatsgründung erfolgen.

Wie die Geschichte zeigt, war es damals für die warnenden Stimmen zu früh. Menschen wie Avraham Burg können vielleicht nunmehr dazu beitragen, den richtigen Umgang mit der Shoah und in der Region zwei prosperierende und kooperierende Staaten in sicheren Grenzen zu schaffen.

3 Kommentare zu diesem Beitrag:

  1. Jérôme Segal | 24. November 2009

    Ja wohl! Und für diejenige, die gerne mal auf Englisch eine ähnliche Meinung zu Avraham Burg lesen möchten, gibt es http://jsegalavienne.wordpress.com/2009/11/16/burg/ (am 16. Nov. veröffentlicht, 11 Tage nachdem Burg am Bruno Kreisky Forum eingeladen worden war).

  2. L.S. | 24. November 2009

    Was für Menschen mit jüdischen Wurzeln die Shoa, ist für ehemalige Tschechen das “Temno”, die Zeit der Dunkelheit (30-jähriger Krieg und danach). Und so ging es Ureinwohnern, Sklaven und vielen anderen mehr. Und immer wieder hat man sich auf “göttliche Vorsehung” oder eine “natürliche Überlegenheit” berufen. Ich teile die Meinung, dass das Trauma überwunden werden muss, damit nicht die Radikalisierung sondern der Dialog und die Aussöhnung der Nachfolge-Generationen ermöglicht und unterstützt wird.
    Dazu gehört natürlich auch das Erkennen von historischer Verantwortung, auch wenn man als Nachgeborener nicht die Schuld für die Taten voriger Generationen übernehmen kann oder muss. Nur sollte man wissen, wo man lebt und was damit früher – auch – verbunden war. Eine eindeutige Be- und Verurteilung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Raub, Mord und Diskriminierung muss bzw. soll aber nicht bedeuten dass man dann für ewig dabei stehen bleibt. Es geht um klare Bennung von dem was war und darum, was man jetzt und in Zukunft machen will.
    Wenn sich dabei nur die Namen bzw. die Gruppen ändern, das Prinzip des fundamentalistischen Absolutismus aber gleich bleibt, dann hat sich nichts geändert. Friedliche Konfliktlösung, Soziales Lernen, das Erarbeiten eines positiven Selbstwertgefühls, all das sind Dinge, die v.a. durch Erfahrungsmöglichkeiten gestärkt werden. Daher wäre gerade hier anzusetzen, in Bildung und Erziehung.
    Und es geht mE auch in der Überwindung nicht nur um Hitler sondern um alles, was zum Aufstieg der gegenseitigen Aufhetzung, der Ent-Solidarisierung und der Un-Menschlichkeit geführt hat.
    Genau aus diesem Grund ist es so wichtig, dass die Grund-, Menschen- und Bürgerrechte gestärkt und für jeden Einzelnen verteidigt werden. Es kann nicht sein, dass man auch hier wieder ein Kasten-Denken einführt oder zulässt, das je nach persönlicher Präferenz wieder die einen quasi “von Natur aus” gleicher als die anderen macht. Es heißt eben Menschen-Recht. Und da sind wir alle damit gemeint.

  3. Avraham Burg in Vienna – The difficulty of express criticism of Israel « Le blog de Jérôme Segal à Vienne | 12. Dezember 2009

    [...] Burg in Vienna – The difficulty of express criticism of Israel Hitler für alle Zeiten besiegen (Buchbesprechung von R. [...]

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