Auf meine Anfrage an die litauische Botschaft bezüglich der staatsanwaltlichen Verfolgung jüdischer Partisanen aus dem Zweiten Weltkrieg bei Vernachlässigung der Strafverfolgung von Nazi-Kollaborateuren hat sich die litauische Botschaft erfreulich schnell rückgeäußert. Weniger erfreulich ist freilich der Inhalt. Er erinnert frappant an die Legitimationsfiguren des Nachkriegs-Österreich, die erst im Zuge der Waldheim-Affäre brüchig wurden.
Ein Auszug aus dem Brief des Botschafters, S.E. Giedrius Puodziunas
“ Während des Zweiten Weltkrieges ist die Republik Litauen zum Opfer von beiden totalitären Regimen — sowjetischen, danach nationalsozialistischen und danach wieder sowjetischen — gefallen. Diese beiden totalitären Regime haben während der Besatzung der Republik Litauen ihre verbrecherischen Ziele verfolgt und schwere Verberechen gegen die Menschlichkeit begangen. Zu unserem großen Bedauern ist leider festzustellen, dass unter unseren Mitbürgern auch diejenigen gewesen sind, die entweder mit den Nazis oder mit den Sowjets kollaboriert haben und denen bei der Verfolgung ihrer verbrecherischen völkerrechtswidrigen Ziele, einschliesslich Holocaust, Genozid, Massenmorde und zwanghafte Massendeportationen der Zivilbevölkerung, geholfen haben.”
Das Muster kennt man aus Österreich: Das Aufrechnen verschiedenster Verbrechen gegen die Menschenrechte, die gleich gesetzt werden. In Wahrheit handelt es sich natürlich um zwei gänzlich verschiedene Materien. Es ist richtig, dass Litauen im Zweiten Weltkrieg und danach von totalitären Regimen besetzt wurde. Ohne Zweifel haben beide Menschenrechtsverletzungen begangen, die eine strafrechtliche Verfolgung rechtfertigen, auch für jene Kollaborateure, die diese entweder selbst begangen oder diese erst ermöglicht haben. Dennoch ist der industrielle Massenmord an Jüdinnen und Juden durch die Nazis etwas anderes als die brutale imperialistische sowjetische Politik gegenüber dem litauischen Volk.
Und beide Okkupationen haben nur wenig mit dem Widerstandskampf gegen die Nazis zu tun, wenn es auch Verbindungen zwischen den Partisanen und der Roten Armee gab. Für die Okkupation durch die Sowjetunion kann man wohl weniger die Partisanen verantwortlich machen als die Sowjetunion selbst und die Vereinbarungen zwischen den Allierten über die Aufteilung Europas in der Konferenz von Jalta.
Auch dies kennt man aus Österreich:
“Die Nazi-Helfer sind grösstenteils bereits in den Jahren der Besatzung Litauens durch die Sowjetunion während und unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entdeckt, gerichtlich verfolgt und für ihre Verbrechen verurteilt worden.”
In Österreich wurden Nazi-Verbrecher auch nur in der unmittelbaren Nachkriegszeit ernsthaft verfolgt. Hingegen gab es noch 1958 Strafurteile gegen steirische Partisanen, die mit schwerem Kerker endeten. Zugleich gab es gegen die schlimmsten Nazi-Kriegsverbrecher wie Franz Novak Serien-Freisprüche.
Die Stimmung der baltischen Öffentlichkeit und Diskriminierung gegen die russischen Minderheiten ist bekannt; unabhängig davon, ob sie tatsächlich an der Unterdrückung der Litauer, Letten oder Esten beteiligt waren. Der antisemitische Unterton, der mit ins Spiel kommt, ebenfalls.
Wird es in Litauen auch 50 Jahre dauern, bis ein adäquates Verhältnis zur Geschichte möglich wird?






Ich bin erstaunt, dass die litauische Botschaft überhaupt geantwortet hat. Schlimme Antwort, ja, allerdings! Ein Grund mehr um wirklich aufzupassen, wenn man den Begriff “Totalitarismus” anwendet. Die *Motive* waren schon ganz anders, zwischen der NS-Ideologie und der sowjetische Anwendung des Marxismus.